Diepholzer Kreiszeitung 19.07.2006
Blicke auf den Stundenplan der Christian-Hülsmeyer-Schule Barnstorf
Teil 12:

Wenn gutes Benehmen Schule macht

BARNSTORF (rr)
In der "Freiherr von Knigge-AG" werden neben Tischmanieren auch Regeln im menschlichen Umgang miteinander gelernt"

Dem anlassgemäßen "Guten Tag" schallt ein unkonventionelles "Hallo" zurück. Die "Freiherr von Knigge-AG" in der Christian-Hülsmeyer-Schule steckt noch in den Anfängen.
Aber Kursusleiter Lars Vickendey (mit der förmlichen Bezeichnung "Fachbereichsleiter Gesellschaftswissenschaften") ist mit dem bislang Erreichten durchaus zufrieden.,, In einer Gesellschaft, in der gerade auch in der Schule viele Kulturen aufeinander prallen, steht hier ein Gerüst, an dem man sich entlang hangeln kann," umschreibt der 33-Jährige seinen Benimm-Kursus und spricht von "einem Erziehungsauftrag - ohne erhobenen Zeigefinger."
Maren, Anna-Lena, Niclas, Roxana, Linda und Kevin haben gelernt, dass Respekt vor anderen - die innere Einstellung, dass jedes Leben gleich viel wert ist und deshalb Achtung verdient - eine zentrale Rolle im menschlichen Miteinander spielt. Genauso wie das gute Benehmen mit alle seinen Facetten als äußere Form der Höflichkeit. "Für sich allein stehend mag das gute Benehmen oberflächlich erscheinen" haben die 15- und 16-jährigen Schüler gehört, "macht unser Zusammenleben aber um einiges angenehmer." Und das Resultat aus bei dem: Höflichkeit - gutes Benehmen auf der Grundlage gegenseitigen Respekts.
Kursusinhalte sind die Veränderung der Benimmregeln im Laufe der Geschichte, Konfliktlösungen im Rollenspiel und somit deeskalierendes Verhalten, das Benehmen zu Hause, in der Schule und in der Öffentlichkeit.
Simuliert wird das richtige Verhalten bei der Begrüßung, in Gesprächen, beim Telefonieren, bei Bewerbungen, im Straßenverkehr - und bei Tisch. So wird an diesem Nachmittag in der Schulmensa "Wassersuppe" und "Luftpastete" serviert. Zu den Tischmanieren gehören die korrekte Anordnung des Bestecks und die Ablage der Serviette.
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"Regeln sind wichtig für den Umgang miteinander" meint Maren (15). "Meine Eltern finden das, was wir hier machen, auf jeden Fall gut" berichtet Kevin (16). Die gleichaltrige Roxana möchte die erlernten Regeln dazu nutzen, "Streit mit den Eltern zu lösen oder es erst gar nicht dazu kommen zu lassen." Und Linda (16) erhofft sich mit diesem geistigen Rüstzeug ganz einfach "bessere Berufschancen."
Auf jeden Fall sind sich alle einig, dass sie durch die Kursusteilnahme nun "einen Vorsprung vor den anderen haben."
Adolph Freiherr von Knigge wird es freuen. Auch wenn er, der sechs Jahre lang in Bremen lebte und dort am 6. Mai 1796 verstarb, seinen Zweibänder "Über den Umgang mit Menschen" nicht als Benimmbuch, sondern als Aufklärungsbroschüre für die bürgerliche Gesellschaft verfasst hatte. Der wichtige Wegbereiter der Aufklärung war seiner Zeit voraus, wie nun auch seine Benimm-Jünger an der Barnstorfer Schule einem Teil ihrer Altersgenossen. "Hey, Alter" (womit wir bei einer "zeitgemäßen", aber "manierfreien" Begrüßung wären), wird wohl nicht mehr über die Lippen der Vickendey-Schüler kommen - Knigge sei Dank...